Schon wieder Ritalin für eine angebliche Konzentrationsschwäche

Hörverarbeitung kann Grund dafür sein!

Heute 8:05 Uhr 

 

Ich schreibe gerade einen Befundbericht. Florian (Name frei erfunden) war vor geraumer Zeit wegen Konzentrationsproblemen bei mir. Obwohl vom Alter her schulpflichtig wurde er in die Vorschulklasse zurückgestuft. Seine Lehrerin empfahl der Mutter, bei mir abzuklären, was die Ursache sein könnte, dass der intelligente Florian in der Schule Schwierigkeiten hat. 

 

Kurz gesagt, Florian hat eine auditive Verarbeitungsschwäche. Sie bewirkt, dass Florian in lärmiger Umgebung, wie es die Klassensituation nun einmal ist, nur *Umpfelgemumpfel* versteht. Das ist so, als säßen Sie in einem Kurs, in dem die Leute rund um sie herum tratschen und der Vortragende leise und undeutlich spricht. Wie lange können Sie wohl die Aufmerksamkeit halten? Schalten Sie ab oder werden Sie aggressiv? 

 

Bei Florian kommt die Verarbeitungsschwäche von den vielen Mittelohrentzündungen, die er als Kleinkind hatte. Das Mittelohr war entzündet und zeitweise mit Eiter gefüllt. Das Trommelfell konnte den Schall nicht ausreichend übertragen. Das hörverarbeitende Zentrum im Gehirn erlitt quasi Mangelernährung. Dadurch hört Florian schlecht. Nein, nein! Nicht weil sein Ohr nicht gesund wäre. Das ist mittlerweile völlig in Ordnung. Durch ein spezielles Horchtraining bekommt das Hörverarbeitungszentrum eine zweite Chance, die Laute gut zu trennen. Dann kann Florian deutlich hören und aufmerksam sein.

 

Wie schön, dass ich Florian begleiten darf!

Ritalinzombie anstelle vernünftiger therapeutischer Ansätze ...

Heute 8:30 Uhr

 

Ich schwebe gerade auf Wolke 7, da kommt ein Anruf. Ich traue meinen Ohren nicht. Es ist Frau Müllermayer (Name frei erfunden)  und sie sagt den morgigen  Erstdiagnostiktermin ab. Es ist nicht die Absage an sich, die mich traurig macht. Es ist die Begründung. Der Vorstellungsgrund, warum die Mutter ursprünglich zu mir kommen wollte, sei die mangelhafte Konzentration in der Schule. Sie erzählte auch, dass ihr Sohn  immer so laut sei. 

 

Allein diese Aussage lässt mich vermuten, dass etwas mit dem Hören sein könnte. Wer schlecht hört, redet laut, das ist Tatsache. Bestimmt ist Ihnen schon aufgefallen, dass Menschen, die mit dem Handy in der U-Bahn telefonieren, so laut sprechen, dass der *ganze Waggon* die gesamte Lebensgeschichte mithören kann.  Einfache Erklärung: Schlecht hören wegen Umgebungslärm - unser Hörsystem will sich selbst gut hören - daher wird unbewusst selber laut gesprochen. Das ist ein Automatismus.

 

Nun, ich habe leider nicht immer sofort einen Termin, deswegen passierte es. Zwischenzeitlich - so die Mutter - sei dem Buben ADS, das Aufmerksamkeitsdefizit, bescheinigt worden. Der Kinderarzt habe Ritalin verschrieben. 

Ich kenne wohl ganz, ganz wenige Fälle, wo eventuell Ritalin eine hilfreiche Maßnahme sein könnte. Aber bei einer Hörwahrnehmungsschwäche ist es meines Erachtens absolut unverantwortlich. Das müsste vorher abgeklärt werden. 

 

Mein Herz weint! Wieder wird ein Kind wegen Konzentrationsschwäche bzw. möglicherweise wegen Hörverarbeitungsschwäche zu einem Zombie gemacht.

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